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AUSSTELLUNG – DARSHA HEWITT "HIFI WASTELAND II: THE PROTO-PLASTIC GROOVE"

Eröffnung: Samstag, 24. Juli, 19 Uhr

Im Ausstellungsraum besteht Maskenpflicht. Wir freuen uns über Ihren Besuch!

Die kanadische Künstlerin Darsha Hewitt setzt sich in ihrer als Trilogie konzipierten Arbeit High Fidelity Wasteland spielerisch wie kritisch mit heute obsolet gewordener Technologie aus dem Bereich der Tonwiedergabe-Technik auseinander. Es geht ihr dabei auch um die im Titel angelegte Antithese zwischen Müll(-produktion) einerseits und dem meist nur als Abkürzung bekannten, sich jedoch vermeintlich für Qualität verbürgenden Begriff „HiFi“ (High Fidelity) andererseits. Unmittelbar kann hinter der Gleichzeitigkeit von Beidem strukturelle Konsum-, und Produktionskritik erahnt werden.
 
Während sich Hewitt im ersten Teil ihrer Trilogie mit Röhrentechnik, die in Fernseher oder Radios verbaut wurde, auseinandersetzte, wurde sie für die Themensetzung des zweiten Teils, HiFi Wasteland II: The Proto-Plastic Groove, vom ortsansässigen Deutschen Phonomuseum inspiriert wie unterstützt. Während ihres Residenzaufenthaltes stand damit eine frühe Form von Datenspeicherung im Fokus Hewitts Recherchen, die Schellackplatte, Vorläufer der Vinyl-Schallplatte und erster industriell fertigbarer Tonträger überhaupt.
 
Neben technischen Unterschieden in Abspieldrehzahl, Spielzeit, und Größe bestehen die vor allem von 1895 bis etwa 1958 hergestellten Schellackplatten im Gegensatz zum späteren Polyvinylchlorid (PVC oder im Kontext Schallplatte kurz „Vinyl“) aus v.a. organischem Material: Der namensgebende Schellack wirkt auf den ersten Blick zwar wie Kunststoff. Tatsächlich wird Schellack jedoch aus den harzigen Ausscheidungen der weiblichen Lackschildlaus gewonnen, die ihr zur Konservierung ihrer Eier, also der Sicherung der eigenen Fortpflanzung dient. Kurioserweise übertrug sich eben diese reproduktionssichernde Eigenschaft des Harzes aus dem Tierreich in anderer Form und dennoch unmittelbar auf die sich in den Kinderschuhen befindliche moderne Musikindustrie. Denn erst die die Oberflächen versiegelnde Qualität des Schellacks ermöglichte die industrielle Fertigung großer Pressauflagen, also deren Reproduktion, und damit den kommerziellen (Massen-) Vertrieb, der später von inflationärer Plastikverwendung abgelöst wurde.
 
Im Ausstellungsraum werden Besucher_Innen auf eine akustische, gewissermaßen immersive, vielleicht nostalgische Reise eingeladen: Ein Plattenwechsler, bestück mit mehreren Schellackplatten – von Beethoven-Klassik bis hin zu Pop-Songs der Schellack-Zeit –, bespielt den Ausstellungsraum immerfort und erweist seinen zuverlässigen Dienst als mechanische Playlist alter Zeiten. Anstelle der normierten 78 Umdrehungen pro Minute dreht sich der Plattenteller deutlich langsamer, mit nur 16 Umdrehungen, so dass eine dumpfe, gemächliche, überaus intensive vielleicht sogar bedrängende Klangerfahrung den Raum in seinem Bann hält. Der Künstlerin geht es in der Entfremdung der auf den Schellackplatten gebannten Musik also um eine ganz andere Klangqualität als deren Eigentliche. Sie macht durch die langsame Umdrehungszahl insbesondere das hörbar, war sonst unerwünscht ist: Staub, Kratzer und Fehler im Material. Der heute in der digitalen Zeit von Streaming geprägte Musikkonsum, der nicht nur Immaterialität, sondern hinsichtlich des Materials auch Zeitlosigkeit impliziert, kontrastiert mit dieser Erfahrung.  
 
Darsha Hewitt interessiert dabei die akustische Erfahrung der bereits im Titel angeklungenen Antithese: Einerseits der technoide, vermeintlich eindeutige Code in der Platte, der mit stoischer Zuverlässigkeit vom Abspielgerät ausgelesen und in hörbare Frequenzen übersetzt wird. Der Erfolgsmythos „HiFi“! 
Andererseits die vergleichsweise simple Manipulierbarkeit dessen und die Alterung des organischen Materials das – wie Technik im Grunde auch – einem zeitlich begrenzen Lebenskreislauf unterworfen ist und sich, beding durch äußere Einflüsse, verändert. Indem die Künstlerin in ihrer Sound-Installation einen Schwerpunkt auf die Wahrnehmung der organischen und im akustischen Sinne amorphen Qualitäten legt, spannt sie einen alternativen, von der Materialität ausgehenden Produktlebenszyklus auf: Das Harz der Laus erfuhr als Intermezzo eine entfremdende industrielle Verarbeitung in der Musikindustrie; Als Teil Hewitts Kunstinstallation tritt das Material selbst nun als nicht Kalkulierbares, mit einem Eigenleben Versehenes, Veränderliches und Gealtertes auf die Bühne. Etwas Eigenständiges! So endet dieser Zyklus vorerst mit der flüchtigen, intuitiven Wahrnehmung der Besucher_Innen.

 

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